Abmeldung der U23 – falsch oder richtig?

Seit dem 1. Juli 2014 sind die deutschen Profivereine nicht mehr dazu verpflichtet eine U23-Mannschaft zu stellen. Einige Vereine wie Bayer Leverkusen, Eintracht Frankfurt oder der VfL Bochum haben ihre Zweitvertretung bereits abgemeldet. Ob diese Entscheidung sinnvoll ist oder nicht, darüber wird sowohl in Fachkreisen als auch unter Fans kontrovers diskutiert. Ich finde das Thema sehr spannend und habe einige Argumente für und gegen eine U23-Mannschaft zusammengefasst.

Generell soll die Regeländerung dazu führen, dass den Profivereinen ein flexiblerer Umgang im Bezug auf die eigene Nachwuchsarbeit ermöglicht wird. In den Vereinen gibt es unterschiedliche Strukturen und Ausbildungsschwerpunkte, die nun stärker ausgelebt werden können.

Ist die U23 ein wirtschaftlicher Faktor?

Die Beobachtungen der letzten Jahre zeigen, dass die Profiklubs unterschiedlich von der U23 profitiert haben. Auf der einen Seite gibt es Vereine, bei denen immer wieder U23-Akteure in die Profimannschaft aufrücken, während diese Entwicklung auf der anderen Seite bei anderen Vereinen nicht zu beobachten ist.

Bei den Vereinen, bei denen die Durchlässigkeit von der U23 in den Profikader unzufriedenstellend ist, spielt der wirtschaftliche Faktor eine große Rolle. Denn dafür, dass nur ein paar wenigen Spielern der Sprung in den Profifußball zugetraut wird, muss eine komplette Fußball-Mannschaft, inklusive Trainerteam, Betreuern, Stadionmiete und weiteren Kosten finanziert werden.

Bundesligavereine wie Bayer Leverkusen oder Eintracht Frankfurt beobachten, dass es die Top-Talente bereits von der U19 in die Profimannschaft schaffen und die U23 nicht mehr benötigen. Bei beiden Vereinen hat es in den letzen Jahren kein U23-Akteur geschafft in den Profi-Kader aufzurücken. Deswegen wurde gnadenlos gehandelt und die U23-Mannschaft vom Spielbetrieb abgemeldet. Mit Darmstand 98, Union Berlin, dem 1. FC Heidenheim, VfL Bochum und FSV Frankfurt haben weitere Vereine nachgezogen.

Alternativen zur U23

Das Geld, das durch die Abmeldung eingespart wird, wird nun in den meisten Fällen für die Neuausrichtung der Nachwuchsarbeit eingesetzt. In der Regel ist es das Ziel die U17 und U19 noch besser und gezielter auszubilden, damit die Top-Talente schneller an den Profikader herangeführt werden. Die Spieler, die sich auf Anhieb nicht durchsetzen, denen der Sprung aber noch zugetraut wird, sollen gezielt ausgeliehen werden. Am besten an Vereine, die höherklassiger spielen als es die eigene U23 getan hätte.

Der VfL Bochum hat ein Konzept entwickelt, bei dem regelmäßig Testspiele parallel zum Liga-Alltag ausgetragen werden, um den jungen Talenten Spielpraxis zu verschaffen. In diesen Spielen kommen auch die größten Talente der U17 und U19 zum Einsatz, damit sie frühzeitig ein Gefühl für den Herrenfußball entwickeln. Gestern fand bereits das einundzwanzigste Testspiel dieser Art statt, das der VfL mit 4:1 gegen die U21 vom 1. FC Köln gewann. Vor ein paar Wochen setzten sich die Bochumer auch gegen die Kölner-Erstvertretung mit 3:0 durch. Weitere Paarungen dieser Art sind bereits vereinbart.

Sportvortstand Christian Hochstätter will die größten Talente aus den Nachwuchsmannschaften der U17 und U19 verstärkt ins Profitraining einbinden und ist davon überzeugt, dass diese Motivationsspritze besser wirkt. Seinen Beobachtungen nach wird die U23 bei den Spielern als Stiefkind angesehen. Hochstätter ist davon überzeugt, dass die Top-Talente durch die neue Ausrichtung besser für den VfL Bochum zu halten sind, da der Weg in den Profikader kürzer ist. Das erhöht seiner Ansicht nach die Attraktivität des Vereins.

Argumente für die U23

Mit Frank „Funny“ Heinemann hält allerdings ein Bochumer Urgestein dagegen. Er glaubt, dass Testspiele und Trainingseinheiten nicht ausreichen, um Talente perfekt auszubilden. Für ihn ist es alternativlos Spielpraxis ausschließlich unter Pflichtspielbedingungen anzubieten. Hierbei ist Heinemann ein großer Verfechter der Regionalliga und verweist auf Spieler wie Paul Freier oder Matthias Ostrzolek, die sich ihrerseits erst im Laufe der Viertklassigkeit durchsetzen konnten, bevor sie für den nächsten Schritt bereit waren. Der ehemalige Co-Trainer vom VfL Bochum und vom HSV plädiert dafür, dass den Talenten Zeit gegeben wird, weil es wichtig sei erst einmal viele Spiele im Seniorenbereich zu bestreiten. Schließlich gelingt nicht allen Talenten der nahtlose Übergang vom Junioren- in den Profibereich.

Jürgen Klopp ist der gleichen Meinung und empfindet die Regeländerung – verbunden mit der Möglichkeit die U23 abmelden zu können – als Katastrophe. Aus seiner Sicht wird es nur im Fußball erwartet, dass die Entwicklung eines 18-oder 19-Jährigen möglichst abgeschlossen sein muss. Das hält der ehemalige BVB-Coach für grundlegend falsch und erinnert an eine große Anzahl an Bundesliga- und Nationalspieler, die es ohne die Institution U23 möglicherweise nicht geben würde. Beispielsweise spielten Mats Hummels, Sami Khedira, Philipp Lahm, Thomas Müller und Miroslav Klose zuerst in der U23, bevor der Aufstieg in den Profikader ihrer Vereine gelang.

Die U23 ist kein allgemeines, sondern ein individuelles Thema

Ich glaube, dass die Entscheidung für oder gegen die U23 von Verein zu Verein unterschiedlich zu betrachten ist. Beispielsweise sehe ich es aktuell beim VfB Stuttgart, Mainz 05 und Werder Bremen als enorme Aufwertung der Nachwuchsarbeit an, dass die jeweiligen Zweitvertretungen sogar in der 3. Liga spielen, was ein ideales Sprungbrett darstellt. Davon profitieren sowohl die jungen Talente, die aus der U19 hochkommen, als auch die verletzten Profis, die Spielpraxis sammeln und sich dabei immer noch im Rahmen einer Profiliga bewegen.

Bei anderen Vereinen, bei denen die U23 regelmäßig gegen den Abstieg der Regionalliga spielt und die fehlende Durchlässigkeit an der Tagesordnung steht, kann ich es nachvollziehen, dass Konzepte über Neustrukturierungen entwickelt, sowie Ausleihgeschäfte forciert werden, um einzelne Spieler gezielt zu fördern. Diese Strategie kann wirtschaftlich effizienter sein als jedes Jahr einen kompletten U23-Apparat organisatorisch und finanziell zu stemmen. Am Ende des Tages zählt schließlich in aller erster Linie der Erfolg der Profimannschaft, um als Verein gut aufgestellt zu sein.

Was den finanziellen Faktor betrifft, muss jeder Verein für sich abwägen wie viel in eine U23 investiert werden kann. Bei der U23 von Eintracht Frankfurt sollen die Talente 600 bis 800€ Brutto im Monat verdient haben. Auf diesem Level ist es schwer konkurrenzfähig zu sein. Die größten Talente, die aus der A-Junioren-Bundesliga kommen und allesamt mit Beratern arbeiten, streben höhere Gehälter für ihr erstes Seniorenjahr an, weil sie anderweitig gezahlt werden.

Der VfB Stuttgart investiert jährlich etwa 3 Millionen Euro in die eigene U23 und so ist es in den letzten Jahren gelungen leistungsstarke Talente wie Timo Baumgartl, Antonio Rüdiger, Bernd Leno, Ermin Bicakcic oder Daniel Didavi an die Bundesliga heranzuführen. Wenn weniger Geld in die Hand genommen worden wäre, hätten sich die Spieler dem U23-Kader höchstwahrscheinlich gar nicht erst angeschlossen.

Wer den großen finanziellen Aufwand nicht betreiben kann und anderweitige Potenziale sieht, meldet die U23 ab. Diese Entscheidung muss allerdings gut durchdacht sein. Denn wenn diese Maßnahme einmal durchgesetzt wird, kann sie auf einem sportlich hohen Niveau nicht so schnell korrigiert werden. Es besteht zwar jederzeit die Möglichkeit erneut eine U23 anzumelden, diese müsste dann allerdings in der niedrigsten Spielklasse – also der Kreisliga – an den Start gehen und ganz von vorne anfangen.